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Zweite Autobiographie Georg Philipp Telemanns, Frankfurt am Main 1729


Quelle und Literatur [ . . . ]

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[ 1 r ]
HochEdler etc.

insbesonders hochzuehrender Herr!


Daß Ew. HochEdl. geehrtes nicht eher,
als itzo, von mir beantwortet wird,
solches haben meine vielen Ge-
schäfte verhindert, das Schreiben aber
von Herrn Lübeck ist mir schon vor
verschiedenen Wochen eingehändiget
worden.
Deroselben Verwandter in Auer-
stedt muß mich nicht recht verstan-
den haben, weil mein Vortrag wegen
des verstorbenen Lippoldes ganz an-
ders war, als ich solchen von Ihnen
erfahre; jedoch, es mag dieser ruhen,
und ich will den ganzen Krahm ver-
gessen.
Von Ihrer Musica historica habe
ich den Buchstaben A, weil nichts weiter
davon allhier zu bekommen ist: ich fin-
de derselben Einrichtung ganz anders,
als ich mir sie vorgestellet, dahero ich



[ 1 v ]
denn einige darüber gehabte Be-
denken anitzo fahren lasse.
Ich wünsche, daß Sie Vortheil
davon haben mögen, und ver-
harre übrigens mit aller Hoch-
schätzung

Ew. HochEdl. etc.,

meines insbesonders hochzuehrenden
Herrn,

ergebenster Diener
Georg Philip Telemann

Hamburg, den 20. Dec.
1729
accepi d. 2. Januarii

1730



[ 2 r ]
Ich bin in Magdeburg, von einem Pre-
diger in der Heil. Geist Kirche, Henrico, ge-
zeuget, Ao 1681.
Meine Schulen sind gewesen: In Magdebg.
die Alt-Städter, hernach die Dohm-
Schule, hierauf die auf dem Zeller-
felde auf dem Harze, u. endlich das
Gymnasium zu Hildesheim.
Die Universität war Leipzig, wo ich
4. Jahre gewesen.
Die Music habe ich zeitig getrieben,
und schon im 11.ten oder 12.ten Jahre eine
Oper, so auch in Magdebg. aufgeführet
worden, verfertiget, zugeschweigen der
Kirchen-Stücke u. Moteten fürs Chor,
deren ich schon vorher eine ziemliche An-
zahl gemacht, wobey ich zugleich fürs
letztere verschiedene Arien poetisch aufge-
setzet, wie ich auch nicht weniger die Flöte à bec,
Violine nebst dem Claviere, ergriffen,
u. mich auf dem letztern gleich zum
General-Basse gewendet. Bey allem
dem ist die bloße Natur meine Lehr-
meisterinn, ohne die geringste Anwei-
sung, gewesen, es müsste denn sey[n], daß ich
anfangs 14. Tage lang auf dem Cla-
viere unterrichtet worden.


[ 2 v ]
Meine Bedienungen betreffend, so diri-
girte ich schon in Hildesheim die Music in
der Godehardiner Kirche, mit Genehmhaltung
des dortigen luther. Superintend. Riemers.
In Leipzig war ich Direct: Mus: u.
Organist in der neuen Kirche, hierauf
Capellmeister beym Grafen von
Promnitz, ferner
Concert- und hernach Capell-
Meister, wie auch Secretarius, in Eise-
nach, von da ging ich, als
Capellmeister, nach Frankfurth am Mayn,
wo ich zugleich die Verwaltung des Kayserl.
Palais zum Frauenstein, mit welcher eine Rechnung
über mehr als 100000 M. verknüpfet war, und

wo mir von neuem die Capell-Meister-
Stelle von Haus-aus aus Eisenach, nebst
einer Besoldung, übergeben ward; endlich
bin ich itzo
Director Mus: in Hamburg, bin annoch
in Eisenachischen Diensten, wie vorhin, wie
auch Correspondent; alhier ward ich
auch vor 4. Jahren Capell-Meister von
Haus-aus in Bayreuth, nebst einer
Besoldung, welche zwar bey der itzigen
Regierung weggefallen.
Was ich in den Stylis der Music gethan,
ist bekandt. Erst war es der Polnische, dem folgte der
Französ., Kirchen- Cammer- und Opern-Styl
u. was sich nach dem Italiänischen nennet, mit
welchem ich denn itzo das mehreste zu thun
habe.
Quelle

Faksimile



Erstdruck


Neusatz
Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien, ohne Sign.

Georg Philipp Telemann. Autobiographien 1718, 1729, 1740, o.O., o.J. [Blankenburg 1977] (= Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation von Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts, H. 3), S. 25-28.

in: Johann Gottfried Walther, Musicalisches | LEXICON | Oder | Musicalische Bibliothec, Leipzig 1732, S. 596-597

Georg Philipp Telemann. Autobiographien 1718, 1729, 1740, o.O., o.J. [Blankenburg 1977] (= Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation von Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts, H. 3), S. 29-30. – TD, Nr. 36, S. 150-151.

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