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Dritte Autobiographie Georg Philipp Telemanns, Hamburg 1740
Quelle und Literatur [ . . . ]
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Telemann
(ex autogr.)
Georg Philipp Telemann+) redet hier selber, und erzehlet uns, mit eigner geschickten Feder, die wunderwürdigen Zufälle seines Lebens, besonders in dem, was die musikalischen betrifft, mit folgenden auserlesenen Worten, und in der angenehmsten Schreibart.
Ich bin, sagte er, in Magdeburg 1681.*) den 14. Märtz gebohren,
und den 17ten drauf Evangelisch-Lutherisch getaufft worden. Mein Vater,
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+) Wenn man diesen harmonischen Megalander und J. H. Buttstett in einer solchen Klasse zusammen antrifft, darin die vor andern berühmten Tonmeister des itzigen Jahrhunderts eigentlich gepriesen werden sollen, wie wir leider das Beispiel im XXII. Bande p 1404 des Universal Lexici erlebet haben: so kan man sich nicht genug wundern über den Abgang gesunder Urtheilskrafft, mittelst welcher diese beide Rahmen zwar gewisser maassen in einem Buche; aber bey weitem nicht in einerley Rang und Würde stehen können. Mir ist nicht unbewusst, daß es aus dem so genannten Kurtzgefaßten musikal. Lexico wörtlich als abgeschrieben worden; allein dseto schlimmer ist es Doch, was soll man sagen ? Die ungeheuren Lexicographi können ja unmöglich alles wissen; wenn sie nur nicht andre alles lehren wollen! wiewohl, sie freuen sich des Vortheils, daß keine Seele ihre 40. Oder 50 Folianten von Ort zu Ende durchliefet, und also niemand den tausenden Theil ihrer Fehler erfährtet. Wer sonst nur ein wenig darin blättert, darf nach Überfluß und Mangel nicht lange suchen. Z. E. im XIX. Bande p. 2047 werden Harmonie und Musik für einerley Ding, am Schwantze der Mathematik, angegeben: da mangelts am Unterschiede. Aber der artige überflüßige Präsident zu Mortier, im Artikel Mirannon, Tomo XXI. p. 421 siehet dem Herrn Articulo Schmalkaldico etwas ähnlich: denn wenn ein Ort zum Mann, und eine Mütze zum Ort gemacht wird, läufft es fast auf eins hinaus. Etc. etc. etc
*) Es hatte der Hr. Verfasser, in seinem eigenhändigen Aufsätze von 1718. aus Frankfurt, sein Geburths-Jahr ins 1682ste gestellet, und so ist es auch in der grossen General-Baß-Schule gedruckt worden: itzo aber hat er dieses Versehengeändert. (Die wenigen Anmerkungen sind von Mattheson, so wie das übrige, was noch mit commatibus hier bezeichnet ist.)
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Henricus, war Prediger daselbst an der Kirche zum H. Geist, und starb 1685. den 17. Jenner, als er kaum 39. Jahr erlebet; ich aber noch nicht das vierte erreichet hatte. Meine Mutter, Maria, stammte gleichfalls von einem Pastore aus Altendorff, Johann Haltmeyer, her, und verblich 1710. In den kleinern Schulen lernte ich das gewöhnliche, nemlich Lesen, Schreiben, den Catechismum und etwas Latein; ergriff aber auch zuletzt die Violine, Flöte und Cither, womit ich die Nachbarn belustigte, ohne zu wissen, ob Noten in der Welt wären. Die grosse altstädter-Schule, so ich im zehnten Jahre betrat, verschaffte mir die höhere Unterweisung, vom Cantore, Hrn. Benedicto Christiani, biß in die oberste Klasse des Hrn. Rectoris, Anton Werner Cuno, endlich auch diejenige des Hrn. N. Müllers, Rectorius am Dom, welcher mir die erste Liebe zur deutschen Dichtkunst einpflanzete. Gesamte Lehrer aber waren mit meinem Fleiße, oder vielmehr mit meiner Fähigkeit bald zu fassen, sehr zu frieden, und gaben mir das Zeugniß, daß ich im Lateinischen, besonders aber im Griechischen, einen guten Grund geleget hatte. Allein, was vergisst man nicht ohne Uebung.
In der Musik bin ich, binnen wenig Wochen so viel begriffen, daß der Cantor mich, an seiner Statt, die Singestunden halten ließ, ob gleich meine Untergebne weit über mir hervorrageten. Während dieser Zeit componirte er; so bald er aber den Rücken wandte, besahe ich seine Partituren, und fand immer etwas darin, so mich ergetzte; warum aber? das war mir verborgen. Gnug, ich wurde dadurch veranlasset, allerhand Musik zusammen zu raffen, die ich in Partituren schrieb, und emsig in selbigen laß, mithin immer mehr Licht bekam: biß ich endlich, mit Ehren zu melden, selbst anfing zu componiren; aber doch in aller Stille.
Inzwischen wußte ich, mit Unterschreibung eines erdichteten Nahmens, mein Machwerck in des Cantoris und Präfecti Hände zu spielen, da ich es denn theils in der Kirche, theils auf der Gasse, und auch zugleich den neuen Verfasser aufs beste loben hörte. Dies machte mich so kühn, daß ich eine ertappte hamburger Oper, Sigismundus, etwa im zwölfften Jahr meines Alters, in die Musik setzte, welche auch auf einer errichteten Bühne toll genug abgesungen wurde, und wobey ich selbst meinen Held ziemlich trotzig vorstellte. Ich mögte diese Musik wohl itzt sehen, wenn mir der Kopf nicht recht stehet.
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Bevor ich zu solchem Vermögen gelanget war, ließ ich mich auf dem
Clavier unterrichten; gerieth aber zum Unglück an einen Organisten, der mich mit der deutschen Tabulatur erschreckte, die er eben so steiff spielte, wie vieleicht sein Grosvater gethan, von dem er sie geerbet hatte. In meinem Kopfe spuckten schon muntrere Töngens, als ich hier hörte. Also schied ich, nach einer vierzehntägigen Marter, von ihm; und nach der Zeit habe ich, durch Unterweisung, in der Musik nichts mehr gelernet.
Ach! aber, welch ein Ungewitter zog ich mir durch besagte Oper über den Hals! die Musik-Feinde kamen mit Schaaren zu meiner Mutter, und stellten ihr vor: Ich würde ein Gauckler, Seiltänzer, Spielmann, Murmelthierführer etc. werden, wenn mir die Musik nicht entzogen würde. Gesagt, gethan! mir wurden Noten, Instrumente, und mit ihnen das halbe Leben genommen. Damit ich aber desto mehr davon abgezogen würde, so ward beschlossen, mich nach Zellerfeld auf dem Hartze in die Schule zu schicken: weil meine Notentyrannen vieleicht glaubten, hinterm Blockberge duldeten die Hexen keine Musik.
Ich ging, etwa 13. Jahr alt, mit meinem Empfehlungs-Briefe an den Superintendenten, Hn. Caspar Calvör, begleitet, der mich zum Studiren sorgfältig anhalten sollte, welches auch geschahe, und ich nahm in selbigem, besonders in der Feldmesserey, mercklich zu; aber auch diese hat das Schicksal des vorhin gedachten Griechischen gehabt.
Nach einigem Zeitverlaufe sollte ein Bergfest gefeiret werden, und der Cantor zu einer ihm gegebenen Poesie die Musik verfertigen: allein er lag am Podagra. Immittelst hatte ich einem meiner Schulgesellen vertrauet, daß ich Tone zusammen zu setzen wüste. Dieser eröffnete es jenem; ich wurde gerufen, und übernahm, auf dessen Ansuchen, solche Verrichtung. Der Tag der Aufführung nahete heran; mein Cantor aber mußte annoch das Bette hüten: also kam das Tactgeben an mich, als an eine Figur von 4. Fuß und etlichen Zollen, welcher man ein Bänckgen untersetzte, damit sie gesehen werden könnte. Die Musik war gut besetzt, und klang. Die treuhertzigen Bergleute, mehr durch meine Gestalt, als durch die Harmonie gerührt, wollten mir nach geendigtem Gottesdienste, ihre Liebe bezeugen, und brachten mich hauffenweise nach meiner Wohnung; einer aber von ihnen trug mich auf dem Arme dahin, wobey ich mich mit ihrem gewöhnlichen Lobspruche: Du kleiner artiger Boß! zum öfftern beehren hörte.
Mein lateinischer Hüter, der brave Hr. Calvör, ließ mich zu sich fordern, eröffnete sein Vergnügen über meine Musik, und ermahnete mich,
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ferner darin fortzufahren; zeigte mir auch die Verwandtschafft der Meskunst mit der Musik: wie denn seine Schrifften hernach gewiesen haben, daß er in beiden ein gantzer Meister gewesen sey. Dies schien das meiner Mutter gegebene Versprechen aufzuheben, und verleitete mich zu einem unschuldigen Ungehorsam: also, daß ich das Clavier wieder hervorsuchte, und im Generalbasse zu grübeln anfing, wovon ich mir eigne Regeln niederschrieb. Denn ich wuste noch nicht, daß Bücher davon wären, und den Organisten wollte ich auch nicht fragen, weil der magdeburgische, fürchterlichen Andenckens, mir noch unvergessen war. Daneben wurden Violine und Flöte auch nicht hintangesetzt; zur Kirche aber verfertigte ich fast alle Sonntage ein Stück: fürs Chor Moteten; und für den Stadt-Musikanten allerhand Bratensymphonien.
Nach einem vierjährigen Auffenhalt allhier begehrte des hildesheimischen damahls-berühmten Gymnasii Director, Hr. Mag. Loßius, mich dahin, welches mir auch von Magdeburg aus bewilliget ward, wohin mein mehrgedachter Gönner mogte geschrieben haben. Der Hr. Loßius pflegte jährlich ein oder zwey Schauspiele poetisch zu verfassen und aufzuführen, also, daß die Rezitative geredet, die Arien aber gesungen wurden; und zu diesen muste ich die Musik setzen, die vieleicht bloß darum gefiel, weil ich immer nur noch ein Stück vom menschlichen Cörper war.
Die Schulstunden verabsäumte ich nicht, es müßte denn die Logic seyn, mit deren Barbara, Celarent, ich mich nicht vertragen konnte. Gnug, ich stieg, unter einer Anzahl von 150. Schülern, die die erste Classe ausmachten, biß zum dritten Platz von oben. Die Sätze von Steffani und Rosenmüller, von Corelli und Caldara*) erwählte ich mir hier zu Mustern, um meine künfftige Kirchen- und Instrumental-Music darnach einzurichten, in welchen beiden Gattungen denn kein Tag ohne Linie vorbey ging. Die zwo benachbarten Capellen, zu Hanover und Braunschweig, die ich bey besondern Festen, bey allen Messen, und sonst mehrmals besuchte, gaben mir Gelegenheit, dort die frantzösische Schreibart, und hier die theatralische; bey beiden aber überhaupt die italiänische näher zu kennen, und unterscheiden zu lernen. Auch brachten mir, die hie und dort befindliche, treffliche Instrumentalspieler die Begierde bey, auf den meinigen stärcker zu werden; worin ich aber weiter gegangen wäre, wenn nicht ein zu hefftiges Feuer mich angetrieben hätte, ausser Clavier, Violine und Flöte mich annoch mit dem Hoboe, der Traverse, dem Schalümo, der Gambe etc. biß auf den Contrebaß und die Quint-Posaune, bekannt zu machen.
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*) Da kommen die Italiäner schon in Betracht; die Frantzosen hernach.
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Der damalige jesuitische Musicdirector in der römischcatholischen Kirche, Pater Crispus, dem ich öffters, bey seinen Aufführungen, zum Scherwentzel im Singen und Spielen gedienet, hatte mich lieb gewonnen, und trat, nachdem er durch brünstige Überredungen an meine Wiederkehr zum Schoosse seiner Kirche vergebens gearbeitet, mir dennoch, aus danckbarem Gemüthe, das godehardiner Kloster, eines von den wichtigsten daselbst, ab, wo ich alles mit Evangelischen bestellete, deutsche Zwischencantaten einführte, die nicht selten Religionsstreitigkeiten enthielten, und alles das vermied, was der unsrigen anstößig sein konnte: wie ich denn auch zu dieser Verwaltung die Einwilligung des sonst eifrigen Superintendenten, Hrn. D. Johann Riemers +), erhielt. Endlich ward ich der Manteljahre satt, und sehnte mich nach einer hohen Schule, wozu ich Leipzig erkiesete. Ich reisete nach meiner Vaterstadt, um hiezu das benöthigte in Ordnung zu bringen. Ein veranstaltetes Examen brachte den Ausspruch zu Wege, daß ich ein Jurist werden, und der Musik gäntzlich absagen sollte. Jenes war ohne dies meine Absicht; und zu diesem bequemte ich mich ohne allen Wiederspruch, mit dem festen Vorsatze, auf einen geheimen Rath loß zu studiren: hinterließ auch meine gantze musikalische Haushaltung, und begab mich 1701. nach Leipzig, da ich unterwegens in Halle, durch die Bekanntschafft mit dem damals schon wichtigen Hrn. Georg Fried. Händel *) , beynahe wieder Notengifft eingesogen hätte. Allein ich hielt fest, und nahm meine vorige Gedancken wieder mit auf den Weg. Ich langte an, und kam am schwarzen Brete mit einem ansehnlichen Studioso überein, dessen Stubenpursch zu werden. Mein Reisegeräthe ward geholet; aber wie klopffte mir das Hertz, als ich Wände und Winckel der Stube mit musikalischen Instrumenten versehen fand! Mir wurde alle Abend was vormusiciret, welches ich bewunderte; ob ich es gleich selbst weit besser konnte. Ich fing indes meine Collegia an, und hörte bey dreien Professorn und Doctorn, als beym ältern Hrn. Otto Menken, und bey Hrn. Andreas Mylius**), Juridica; bey Hrn. N. Weidling die Rednerkunst, und bey Hrn. Magister N. Calvisius die Philosophie. Mittlerweile kömt mein Stubenpursch einst über meinen Coffre, und
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+) Der als Pastor an der hamburgischen Jacobs-Kirche 1714. gestorben ist, und in seinem Lebenslaufe verordnet hat, man solle weder läuten noch singen bey seinem Begräbnisse, denn er könnte das Geräusche nicht vertragen. Doch hat man von ihm unter andern ein Büchlein, das klingende Zion betitelt.
*) Dieser war damals kaum 16. Jahre alt.
**) Er starb 1702. Den 6. Jan.
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findet den von mir componirten sechsten Psalm, der, ich weiß nicht wie, unter mein Leinenzeug gerathen war. Ich verständigte ihn meines Vorhabens, welches er billigte; bat sich aber den Psalm aus, um ihn am nähesten Sonntage in St. Thomaskirche musiciren zu lassen. Der damalige Bürgermeister und geheime Rath, Hr. D. Romanus, findet Geschmack daran, und beredet mich, alle 14. Tage ein Stück für besagte Kirche zu setzen; wogegen ich mit einem erklecklichen Legat versehen wurde, ohne die Hoffnung, so man mir zu grössern Vortheilen machte: doch ging dessen fernerer Rath dahin, daß ich die andern Studien nicht niederlegen sollte.
Itzo fiel mir meine Mutter, deren Befehle ich ehrete, wieder ein, eben als ich von ihr einen neuen Geldwechsel empfing. Ich schickte solchen wieder zurück, meldete meine übrigen Umstände, und bat um Aenderung ihres Willens, in Ansehung der Musik. Ihr Seegen zu meiner neuen Arbeit erfolgte: und nun war ich auf der einen Achsel wieder ein Musikus.
Bald darauf gewann ich die Direction über die Opern, deren ich insgesamt, auch noch von Sorau und Franckfurt aus, etliche und zwantzig, und zu vielen davon ebenfalls die Verse, gemacht habe. Für den weißenfelsischen Hof verfertigte ich etwa vier Opern, und richtete endlich in Leipzig das noch stehende Musikcollegium an.
Die Orgel in der neuen Kirche wurde fertig, und ich darüber, als Organist, wie auch zum Musikdirector bestallet. Jene habe nur bey der Einweihung berühret; hernach aber solche verschiedenen Studiosis unter die Hände gegeben, die sich darum zanckten. Die Feder des vortrefflichen Hn. Johann Kuhnau diente mir hier zur Nachfolge in Fugen und Contrapuncten; in melodischen Sätzen aber, und deren Untersuchung, hatten Händel und ich, bey öfftern Besuchen auf beiden Seiten, wie auch schrifftlich, eine stete Beschäfftigung.
Von Leipzig aus habe Berlin zweimahl gesehen; die Oper Polyphemo, von Giov. Bononcini, und eine andre (jedoch von meinen Freunden versteckt, weil nur wenigen der Eingang erlaubet war) angehöret, worin meistens hohe Personen, unter andern eine, hernach nach Cassel verheirathete Marckgräfinn, sangen, die Königinn Sophia Charlotte aber selbst auf dem Clavier accompagnirten, und das Orchester grossen Theils mit Capell- und ConcertMeistern besetzet war, als nehmlich: Padre Attilio Ariosti; die Gebrüder Antonio und Giovanni Bonocini; der Obercapellmeister Rieck; Ruggiero Fedeli; Volumier*) ; Conti; La Riche; Forstmeier etc.
Im 1704ten Jahre wurde ich nach Sorau, zu S. Excellenz, dem
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*) par corruptio: Woulmyer
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Hrn. Grafen, Erdmann von Promnitz, als Capellmeister berufen. Das gläntzende Wesen dieses auf fürstlichem Fuß neu-eingerichtete Hofes munterte mich zu feurigen Unternehmungen auf, besonders in Instrumentalsachen, worunter ich die Ouvertüren mit ihren Nebenstücken vorzüglich erwehlete, weil der Herr Graf kurtz vorher aus Franckreich wiedergekommen war, und also dieselben liebte. Ich wurde des Lulli, Campra*) und andrer guten Meister Arbeit habhafft, und legte mich fast gantz auf derselben Schreibart, so daß ich der Ouvertüren in zwey Jahren bey 200. zusammen brachte.
Als der Hof sich ein halbes Jahr lang nach+) Plesse einer oberschlesischen, promnitzischen Standesherrschafft, begab, lernete ich so wohl daselbst als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbarischen Schönheit kennen. Sie bestund, in gemeinen Wirtshäusern, aus einer um den Leib geschnalleten Geige, die eine Terzie höher gestimmet war, als sonst gewöhnlich, und also ein halbes Dutzend andre überschreien konnte; aus einem polnischen Bocke; aus einer Quintposaune, und aus einem Regal. An ansehnlichen Oertern aber blieb das Regal weg; die beiden erstern hingegen wurden verstärckt: wie ich denn einst 36. Böcke und 8. Geigen beisammen gefunden habe. Man sollte kaum glauben, was dergleichen Bockpfeiffer oder Geiger für wunderbare Einfälle haben, wenn sie, so offt die Tantzenden ruhen, fantasiren. Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben erschnappen. Gnug, in dieser Musik steckt überaus viel gutes; wenn behörig damit umgegangen wird. Ich habe, nach der Zeit, verschiedene grosse Concerte und Trii in dieser Art geschrieben, die ich in einen italiänischen Rock, mit abgewechselten Adagi und Allegri, eingekleidet.
Etwas merckwürdiges ist hier nicht zu vergessen. Der Hof wurde zu zweienmahlen grossen Theils abgedanckt, und selbst Günstlinge wurden mit fortgerissen; ich aber blieb. Sonst hat die Musik insgemein den Vortantz.
Endlich hatte ich in Sorau noch das Vergnügen, mit dem berühmten Herrn Wolfgang Caspar Printz**), Cantore daselbst, umzugehen, wobey
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*) Campra hat am ersten besäitete Instrumente in die parisische Dom-Kirche eingeführt, und ist in geistlichen Sachen am fruchtbarsten gewesen, ehe er sich der Oper widmete. Campra fut le premier qui eut le credit de faire entrer les instrumens a` cordes dans l´Eglise de notre Dame de Paris. --- Campra le plus fecond de tous, & celui que je placerai le premier en l´etat ou` ils font, quand on m´ordonnera de les arranger, --- Si ce mal- heureux garcon n`avoit point deferte l`Eglise pour aller fervir l`Opera &c. Histoire de la Mus. Tome IV p. 154 & 176 S. p. 166 dieser Ehrenpforte
+) S. Den Artikel Printz p. 269, 270.
**) Printz war damahls schon 26 Jahre Capell-Director gewesen, welches Amt ihm 1682. aufgetragen worden, und 1662.bereits gräfl promntitzscher Musik-Direktor und Hofcomponist: Das war zu der zeit weniger, als Capellmeister.
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er einen Heraclitum, und ich einen Democritum vorstellete. Denn er beweinte bitterlich die Ausschweiffungen der itzigen melodischen Setzer: wie ich die unmelodischen Künsteleien der Alten belachte. Da er aber noch immer hoffete, ich würde aus dem Babel der ersten heraus gehen, also sollte ich, vor meinem Abzuge nach Eisenach, welcher 1708. geschahe, von einem seltenen Geheimnisse unterrichtet werden, um es dem Hertzoge von Gotha, gegen Erlegung einer gewissen Summa, die wir theilen wollten, wiederum beizubringen. Es bestund darin; durch Hülffe der Musik alle Handlungen eines versandten Ministers, eines Generals im Felde etc. nicht allein zu wissen; sondern auch durch eben dieses Mittel, ihnen Befehle zu erteilen. Da ich aber den Vortrag kaum mit halber Ernsthafftigkeit aushören konnte, so ward ich solcher Schwartzkünsteley beraubet.+)
Bisher war mirs ergangen, wie den Köchen, die eine Reihe Töpffe am Feuer stehen haben, aus deren etlichen sie nur etwas zu kosten geben. Nunmehr aber sollte ich völlig anrichten, das ist, mit allen meinen Instrumenten, mit Singen und mit der Feder zeigen, was ich gelernet hatte. Die Absicht war in Eisenach anfangs nur auf eine Instrumental-Musik gerichtet, deren Glieder der nie genug zu rühmende Hr. Pantaleon Hebenstreit zusammen suchte, und welchen ich, als Concertmeister, vorgesetzet ward: mithin bey der Tafel und in der Kammer die Violine, und das übrige, zu spielen hatte; da jener den Nahmen eines Directoris führte, in der letzten aber auch mitgeigete, und auf seinem bewundernswürdigen Cymbal sich hören ließ. Es erwuchs aber bald eine Capelle, nachdem der Durchlauchtige Hertzog an einigen Kirchencantaten, die ich allein absang, Gefallen getragen: da ich denn befehliget wurde, benöthigte Sänger zu verschreiben, die aber auch als Violinisten gebraucht werden könnten; nach deren Ankunfft ich denn zum Capellmeister ernannt wurde, jedoch auch zugleich die vorigen Dienste that. Ich muß dieser Capelle, die am meisten nach frantzösischer Art eingerichtet war, zum Ruhm nachsagen, daß sie das parisische, so sehr berühmte Opern-Orchester, welches ich nur erst vor kurtzem gehöret, übertroffen habe.
Hiebey entsinne ich mich der Stärcke besagten Hrn. Hebenstreits auf der Violine, die inh gewiß des ersten Ranges unter allen andern Meistern würdig machte: daß, wenn wir ein Concert mit einander zu spielen hatten, ich
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+) Es ist vermuthlich ein Stück aus der Mythographie gewesen, die ihren Nutzen sehr wohl haben kann., und ohne Hexerey zugeht.
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Monsieur Pantlon, sage ich, / hatte / nebst der Erfahrung auf vielerley Instrumenten / zugleich in der Frantzösischen Music und Composition eine ungemeine Geschicklichkeit / woraus ich mehr Vortheil geschöpfet / als ich hier anzuführen vermögend bin. Das anhaltende Exercitium in dergleichen Sachen brachte bey hiesigem Orchestre eine feste und einhellig-übereinstimmende Execution zu wege / welche mich zu beständiger Arbeit anlockte. Alldieweil aber die Veränderung belustiget / so machte mich auch über Concerte her. Hiervon muß bekennen / daß sie mir niehmals recht von Hertzen gegangen sind / ob ich deren schon eine ziemliche Menge gemacht habe / worüber man aber schreiben möchte:
Si natura negat, facit indignatio versum
Qualemcunque potest.---
(Juv. Sat. 1.)
Zum wenigsten ist dieses wahr / daß sie mehrentheils nach Franckreich riechen. Ob es nun gleich wahrscheinlich / daß mir die Natur hierinne etwas versageb wollen / weil wir doch nicht alle alles können / so dürffte dennoch das eine Uhrsache mit seyn / daß ich in denen meisten Concerten / so mir zu Gesichte kamen / zwar viele Schwürigkeiten und krumme Sprünge / aber wenig Harmonie und noch schlechtere Melodie antraff / wovon ich die ersten hassete / weil sie meiner Hand und Bogen unbequem waren / und / wegen Ermangelung derer letztern Eigenschafften / als worzu mein Ohr durch die Frantzösischen Musiquen gewöhnet war / sie nicht lieben konnte / nach imitiren mochte. Hingegen fand eine bessere Neigung zu Sonaten / deren ich von 2.3. biß 8. a´ 9. Partien eine grosse Anzahl verfertiget. Besonders hat man mich überreden wollen / die Trio wiesen meine beste Stärcke / weil ich sie so einrichtete / daß eine Stimme so viel zu arbeiten hätte / als die andre.
Sed ego credulus illis.
(Virg. Ecl. IX.)
Dieses aber weiß wo / daß ich allemahl die Kirchen-Music am meisten werth geschätzet / am meisten in andern Autoribus ihrentwegen geforschet / und auch das meiste darinnen ausgearbeitet habe / so / daß biß diesen Tag 5. vollstimmige und bey nahe 2. kleinere Jahrgänge vollendet sind / ohne die Communion- und Nachmittags-Stücke / Missen /Psalmen / Arietten u.s.w. Endlich fallen mir noch die Cantaten bey / welche hier und sonst überhaupt gemacht / wie auch die Serenaten bey hohen Geburths- oder Nahmens-Festen. Von jenen werde nicht über 50. und von diesen kaum 20. zu zehlen haben. Die letztern sind alle Teutsch / und starck von Stimmen und Instrumenten. Die erstern haben auch mehrentheils eine teutsche Poesie / sind sehr leicht / arios und soli; die übrigen Italiänischen aber etwas schwerer / und fast alle mit Instrumenten / unter denen etliche für geschickte Meister gesetzet / und mir insonderheit habe angelegen seyn lassen / eines jeden Instrument nach seiner Natur anzubringen / worbey ich mich jedoch der Leichtigkeit beflissen / wie ich fast durchgehends in allen meinen übrigen Sachen gethan. Denn ich bin des Glaubens:
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Ein Satz der Hexerey in seine Zeilen faßt /
Ich meyne / wann das Blat viel schwehre Gänge führet /
Ist musicirenden fast meistens eine Last /
Worbey man offtermahls genung Grimacen spühret.
Ich sage ferner so: Wer vielen nutzen kan /
Thut besser / als wer nur für wenige schreibet;
Nun dient / was leicht gesetzt / durchgehends jedermann:
Drum wirds am besten seyn / daß man bey diesem bleibet.
h) Aber wie gerathe ich zu denen HHnn. Republicanern? bey welchen / wie man glaubet / die Wissenschafften wenig gelten:
Ou de docte Savoir ne leur semble plus rien,
Ou l'on hazarde tout pour acqverir du bien;
(Cantenac Sat.)
Und fürchte ich nicht / daß man in Ansehung dieser meiner Veränderung mit jenem sprechen werde:
Je m'etonne, Damon, de te voir en Province
Relegue pour toujours, & renoncer au Prince,
A Faveur, aux Plaisirs, a` l'Honneur, a`la Cour,
Choisissant pour retraite un tres obscur sejour?
(Anon)
Es hat mich aber dieses zu ihnen gebracht / daß ich vermeynte / es würde die an einer Reichs-Stadt zu hoffende Ruhe zur Verlängerung meines Lebens zuträglich seyn; Und / ob schon nicht bey allen Höfen eintrifft /
Ou' au matin l'air pour nous est tranquille & serein,
Mais sombre vers le soir & de nuages plein;
Am allerwenigsten aber in Eisenach zu vermuthen war / so ließ mir doch endlich den Rath gefallen: Ich möchte die Wahrheit dieses Spruchs nicht in eigener Erfahrung erwarten. Also lebe nun allhier in einer austräglichen Versorgung. Wiewohl / was die Ruhe anlanget / so habe ich sie biß anhero noch nicht gefunden / woran aber mein Naturell / welches keinen Müßiggang ertragen kann / Uhrsache ist. Denn allhier habe nicht allein wohl die Helffte von denen Kirchen- sondern auch die meisten Instrumental-Sachen / deren drüben gedacht / verfertigt / zu welchen letztern das von mir angefangene grosse Collegium Musicum viel Gelegenheit gegeben hat. Bey diesem haben mich auch die 5. schönen Davidischen Oratorien / von der Poesie des belobten Mr. Königs / beschäfftiget. Ich kann hier nicht umhin / von einem Privat-Manne und ausserordentlichem Liebhaber und Kenner der Music Meldung zu thun. Es ist Herr Henrich Bartels / einer von denen fürnehmsten Evangelischen Banquiers. Selbiger hat eine so genaue Erkänntmiß in der Frantzösischen und Welschen Music / daß er in jedweder nach ihrem eigenthümlichen / so dann auch / in dem von beyden zusammen gemischten Gout, so wohl singend / als auch auf etlichen Instrumenten / besonders auf der Violine sich darff hören lassen /
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worbey ich noch dieses zu rühmen habe / daß er sein Talent in der Kirche zur Ehre Gottes unabläßlich anwendet / und auch bey andern Concerten kein Bedencken träget / sich und andere damit zu ergötzen / weswegen selbigen dieses Lobspruchs würdig geschätzet:
Du widmest das / was dir des Schöpfers Güte gab /
Durchaus beliebter Mann! hinwieder seiner Ehren.
Drum schüttet er auf dich so manches Heyl herab/
Und ruffet dich dereinst zu seinen Himmels-Chören.
Doch / da es auch zugleich des Nächsten Ohr vergnügt /
So will dir jedermann die Hände danckend reichen.
Ich aber habe noch den Wunsch hier beygefügt:
Ach! wären in der Welt doch viele deines gleichen.+)
Ungeachtet drüben schon derer Serenaten gedacht / so kommt doch noch eine vor / die allhier insonderheit darff berühret werden. Sie wurde / wegen der Geburth des Durchl. Ertz-Hertzogs von Oesterreich und Printzens von Asturien / Anno 1716. verfertiget / welche Sr. Röm. Kayserl. Majestät allerunterthänigst dediciret / nachdem sie vorher der unvergleichlichen Execution des Darmstädtischen Orchestres / auch des renommirten Berlinischen Virtuosens auf der Hautbois Mr. Peter Glöschens / gewürdigt worden. Ingleichen war auch in eben dem Jahre über Herr Licent. Brocks Passions-Oratorium gerathen / dessen Poesie von allen Kennern für unverbesserlich gehalten wird. Es wurde solches mit jetzt-gemeldeter Execution gleichfalls aufgeführet / und zwar in der Lutherischen Haupt-Kirche / in Gegenwart Ihro Hochfürstl. Durchl. Durchl. des Herrn Landgraffens von Darmstadt / des Fürstens von Idstein / von Ost-Frießland etc. und einer grossen Menge anderer Zuhörer / hat auch nachgehends die Ehre gehabt / in Hamburg / Augspurg und Leipzig angehöret zu werden: Ferner habe bey denen hiesigen considerablesten auch auswärtigen Hochzeiten / und bey der Anwesenheit grosser Herren / etliche und 20. starcke Dramata componiret / zu welchen auch die Poesie verfasset. Weiter haben die Befehle verschiedenster StandesPersonen / und das Verlangenbürgerlicher Personen mir zur Verfertigung gantzer Instrumental-Wercke von allerhand Gattungen beständig Anlaß gegeben. Ueber diese sind folgende von mir in Kupfer / und gedruckt / publiciret worden / als:
- Vl. Sonates a´Violon seul & Basse chiffrée, in Kupfer.
- Kleine Cammer-Music / oder Partien für diverse Instrumente / gedruckt.
- Six Trio, ingleichen für vielerley Instrumente / in Kupfer.
- Sei Sonatine per Violino e Cembalo, in Kupfer.
Das / was hier insonderheit meine Lust zur Arbeit unterhalten / ist / daß ich viel derer Musicorum von unterschiedlichen Nationen kennen zu lernen das Glück gehabt / deren Geschicklichkeit mir allemahl einen Trieb eingepflantzet / meine Sätze mit möglichstem Bedacht auszuführen / damit ihre und ihrer Landes-Leute Gunst erwerben möchte.
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+) Vid. Musical. Patriot. P. 16.
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Also leb ich biß anher bey beständig-munterm Fleisse /
Doch / wer will die Zeit bereun / die uns / mitten bey dem Schweisse /
Einen jeden Tag zur Stunde / zur Minute jede Nacht /
Und den gantzen Lauff des Lebens hat zum Paradieß gemacht.
Biß hierher / Mein Herr / erstrecken sich die Anmerckungen über meinen Lebens-Lauff. Es solten die Gräntzen eines Brieffes einschräncken / allein ist ein Buch draus worden; und mir also ergangen / wie denen Leuten / welch böse Magen haben / und die beym Anfange der Mahlzeit wenig Appetit verspühren / nachdem sie aber den Mund angebracht / aus aller Macht essen / und kaum zu ersättigen sind. Ich kann auch noch nicht aufhören; sondern finde für nöthig / noch ein und anderes hinzuzuthun. Es dürfte etwan in selbigem hin und wieder scheinen / als ob ich gar zu rühmlich von mir selbst geschrieben hätte / und man dahero gedencken möchte:
Unus Pellaeo juventi non sufficit orbis,
Aestuat infelix angusto limite mundi;
( Juv. Sat. X.)
Aber / wie mit gutem Gewissen für aller Welt bezeugen kan / daß ausser der erlaubten Ehre / die ein jedweder Mensch haben soll / mich keine närrische Hoffarth plage /
Neque me ut miretur turba laborem;
(Horat. Sat.X. lib. I.)
Auch das Bekändniß dererjenigen / mit denen ich umgegangen bin / mich desfalls rechtfertigen wird; So habe mich auf der andern Seite schuldig gefunden / die Wahrheit nicht zu verbergen / weil doch
Rien n'est beau que le Vrai, le Vrai seul est aimable;
(Boil.)
Noch die Gütigkeit / mit welcher mich die Natur angesehen / zu verschweigen. Und eben also / wann ich viel von meinem Fleisse melde / so ist es nicht geschehen / mich damit groß zu machen / indem doch dieses eine allgemeine Bedingung aller Menschen ist / daß sie ohne Arbeit nichts erlangen sollen:
Nil sine magno
Vita labore dedit Mortalibus;
(Horat. Sat. IX. lib. I.)
Sondern meine Absicht ist gewesen / diejenigen / so die Music studiren wollen / zu erinnern / daß sie in dieser unerschöpflichen Wissenschafft / ohne grosse Bemühung / nicht weit gelangen / hingegen aber durch dieselbe sich einen guten Nahmen und Nutzen zu wege bringen können. Hiernächst weiß nicht / ob manchem / der dieses lieset / und so
viele andere berühmte und preißwürdige Musicos, Allegata, Verse und schertzhaffte Ausschweiffungen darinne findet / zu Muthe seyn werde / wie jenem Provincial, der sich beklagte / er wäre aus Paris gereiset / ohne es gesehen zu haben / weil / wie er sagte / die Häuser ihn gehindert hätten / daß er die Stadt nicht betrachten können (L'Eloge de l'Yvr. Pref.).
Darauf dienet zur Antwort: daß / wie es / in Ansehung derer ersten / kleinern Gebäuden zur Zierde gereichet / wenn dann und wann ein Pallast darzwischen zu stehen
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komme / also habe mich derer letztern bedienet / um meinen Häusern einen muntern Anstrich zu geben / damit sie denen vorbey gehenden desto eher in die Augen fallen möchten. Endlich dancke ich der göttlichen Allmacht / daß sie mein Hertz zu der alleredelsten Music gelencket / die über dem / daß sie ihren Anhängern die Arbeit zur Wollust machet / die Wiederwärtigkeiten des Lebens verzuckert / und von denen Hohen der Welt / wie nicht weniger von vielen vernünfftigen Leuten / getrieben und in Ehren gehalten / auch denenjenigen / welche durch vieleArbeit eine Staffel in selbiger erlanget / reichlich belohnet wird / mit der Ewigkeit fort zu gehen gewürdiget ist. Ich dancke auch dem
Uhrheber der Harmonie besonders / daß er mir in selbiger für vielen andern die Gabe verliehen / auf ihrem unersteiglichem Berge nicht wenig Stuffen beschreiten zu können. Denn ob ich wohl dasjenige / was mir noch mangelt / für unendlich / und mein Wissen nur für einen glücklichen Anfang halte / so darff doch mit dem Poeten sagen:
Non sum adeo informis, nuper me in littore re vidi.
(Virg. Ed. II.)
Und ob gleich nicht alles / was ich gemacht / nach eines jedweden Geschmack seyn wird noch kann / so halte doch dafür / che anco le cose, che non piacciono, si possono godere (Lored. Scherz. genit.). Ich schließe zur Ehre der Music also:
Wenn / da Natur und Trieb das Wollen eingepräget /
Wenn Nutzen / Ehr' und Glück den muntern Fleiß erreget /
Wenn manch geübter Halß / Hand und geschocktes Blat
Den forschenden Verstand in uns geschärffet hat /
Und man am Ende doch sein Schwach-seyn muß bekennen /
So folget / daß Music ein hohes Werck zu nennen;
Und verharre /
Mein Herr /
Dessen
ergebener und gehorsamer
Sept. Diener
Georg Philipp Telemann
Franckfurth/d.14.1718.
CCLXXVI
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Quelle
Faksimile
Neudrucke |
Johann Matthesons | Grosse | General-Baß-Schule. | Oder | Der exemplarischen Organisten-Probe | Zweite | verbesserte und vermehrte Auflage | Hamburg 1731, S. 168-180.
Georg Philipp Telemann. Autobiographien 1718, 1729, 1740, o.O., o.J. [Blankenburg 1977] (= Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation von Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts, H. 3), S. 10-22.
u.a.: Schneider DDT, S. VIff.; TD, S. 89-106. (vgl. auch Wettstein Bibl, S. 21). |
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