
Die ersten Pläne für eine historisch-kritische Ausgabe der Werke Georg Philipp Telemanns gehen auf Initiativen Max Schneiders und Max Seifferts zurück, die als Begründer einer modernen Telemann-Forschung gelten können. Ihre Planungen nahmen aber erst nach dem zweiten Weltkrieg konkrete Form an: Im Jahr 1953 erschien der erste Band der nun als Auswahlausgabe konzipierten Reihe beim Bärenreiter-Verlag Kassel, der die Telemann-Ausgabe (TA) bis heute verlegerisch betreut.
Zunächst stand die TA unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft für Musikforschung, in deren Auftrag sie auch herausgegeben wurde. Seit 1955 erfuhr das Projekt finanzielle, organisatorische und ideelle Unterstützung von der Musikgeschichtlichen Kommission e. V. Redaktion und Planung der Ausgabe lagen ab 1960 bei Martin Ruhnke.
Die deutsche Wiedervereinigung 1990 schuf die Voraussetzungen für eine Neuorientierung des Editionsvorhabens. Der umfangreiche Bestand vor allem an Vokalwerken Telemanns, den Wolf Hobohm als Leiter des Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung in Magdeburg zusammen mit seinen Mitarbeitern seit Mitte der 1960er Jahre erschlossen hatte, bildete eine Basis von neuartiger Breite für die Fortführung der TA, die nun in die von der Konferenz der deutschen Akademien der Wissenschaften betreuten Editionsvorhaben aufgenommen werden konnte. Zusammen mit Martin Ruhnke gab Wolf Hobohm seit 1992 die TA in Verbindung mit dem Telemann-Zentrum Magdeburg heraus.
Nach dem altersbedingten Rückzug Martin Ruhnkes erhielt die TA 2004 ein neues wissenschaftliches Leitungsteam. Ihm gehören, neben Wolf Hobohm, Wolfgang Hirschmann, Joachim Kremer, Walter Werbeck und Steven Zohn an. Herausgegeben wird die Ausgabe nun von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, weiterhin in Verbindung mit dem Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg. Die redaktionelle Arbeit liegt seit 1992 bei Ute Poetzsch.
Ziel der Telemann-Ausgabe ist es, aus der bis heute schwer überschaubaren Fülle des Telemannschen Èuvres wichtige und für sein Schaffen charakteristische Werke in wissenschaftlichen Editionen vorzulegen. Dabei sind repräsentative Werkgruppen und Schaffensphasen Telemanns in angemessener Breite zu berücksichtigen.
Während Telemanns Instrumentalmusik inzwischen fast vollständig zugänglich ist (freilich nicht immer in wissenschaftlichen Ausgaben), klaffen bei den Vokalwerken nach wie vor große Editionslücken. Daher haben sich die Herausgeber der TA von Beginn an und verstärkt nach 1992 auf die Vokalwerke konzentriert, auf geistliche und weltliche Festmusiken, Passionen und Passionsoratorien, auf die Kirchenkantaten, die geistliche Konzertmusik des Spätwerks und vor allem das Opernschaffen. Die neueren Bände der Ausgabe werden nicht nur alle noch unedierten Opernpartituren Telemanns enthalten, sondern auch seine Tätigkeit als Bearbeiter von Opern Georg Friedrich Händels sowie die verstreute Überlieferung einzelner Arien aus nicht vollständig erhaltenen Opern dokumentieren. Über Telemanns stilistische Entwicklung im Bereich der Kirchenkantate und seine Bedeutung für die Prägung und Propagierung einer neuen „theatralischen“ Kirchenmusik im frühen 18. Jahrhundert orientieren Bände mit einer Auswahl aus den frühen Kirchenmusiken, dem Eisenacher Jahrgang 1710/11
Geistliches Singen und Spielen und dem
Französischen Jahrgang 1714/15. Der Bereich der Kompositionen zu besonderen Anlässen ist vertreten durch die Kirchenmusik und die Serenata zur Geburt des Erzherzogs Leopold (Frankfurt 1716), die Bürgerkapitänsmusik von 1730, eine Auswahl von Musiken zu Kircheneinweihungen sowie die Trauermusik für Friedrich August I. (1733). Bei den Passionen liegt der Schwerpunkt auf den wichtigen Passionsoratorien des Komponisten, der Brockespassion (1716), dem
Seligen Erwägen (1722), dem
Tod Jesu und der
Betrachtung der neunten Stunde an dem Todestag Jesu (1755), sowie der einzigen gedruckten Passionsmusik Telemanns, seiner Johannespassion von 1745. Die geistliche Musik des Spätwerks wird durch die
Hirten bei der Krippe zu Bethlehem (1759), die
Auferstehung und Himmelfahrt Jesu (1760) und die beiden Auszüge aus Klopstocks
Messias (1759) repräsentiert. Der Grand Motet „Deus judicium tuum“ (Paris 1738) steht als Ausnahmewerk für sich. Schließlich beinhaltet der Editionsplan nach 1992 auch zwei Bände mit Instrumentalmusik: ausgewählte Sonaten und Konzerte für zwei Violinen, Viola und Basso continuo, darunter „Sonaten auf Concertenart“, sowie die Soli und Triosonaten der
Essercizii Musici.
In drei Supplementbänden der TA erstellte Martin Ruhnke 1984-1999 ein thematisch-systematisches Verzeichnis der Instrumentalwerke Telemanns (Telemann-Werkverzeichnis = TWV, Werkgruppen 30-55). Das ursprünglich als Komplement dazu geplante Verzeichnis von Telemanns Vokalwerken (= Werkgruppen 1-25), das Werner Menke erarbeitet hatte, erschien 1982/83 separat als Telemann-Vokalwerke-Verzeichnis (= TVWV).
Praxis der TA ist es in den letzten Jahren gewesen, Telemanns Werken zwar die Nummern beider Verzeichnisse zuzuordnen, diese aber einheitlich nach dem TWV zu zitieren, auch dann also, wenn es sich um Vokalwerke mit einer TVWV-Nummer handelt. Dieses Verfahren hat sich nicht bewährt. Das neue Herausgeberkollegium hat sich deshalb dazu entschieden, in den von ihm verantworteten Bänden der TA (ab Band 39) die Unterscheidung zwischen TWV und TVWV wieder zu respektieren. Vokalwerke werden zukünftig nach den Nummern des TVWV, Instrumentalwerke nach denen des TWV zitiert.
Die TA zielt auf die Erstellung authentischer Werktexte. Sie liefert in angemessen modernisierter Form einen Notentext, der den Intentionen des Komponisten möglichst nahe kommt. Sowohl für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Musik Telemanns wie auch für deren stilgerechte Interpretation bietet die TA eine verläßliche Grundlage. Dazu werden alle erhaltenen und zugänglichen Quellen eines Werkes herangezogen. Ihre Beschreibung und Bewertung erfolgen im Kritischen Bericht, der außerdem Hinweise zu editorischen Problemen sowie zu Detailentscheidungen enthält. Ein Vorwort orientiert über die im jeweiligen Band repräsentierte Werkgruppe, faßt deren Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zusammen und kann darüber hinaus aufführungspraktische Gesichtspunkte thematisieren.
Die Editionsgrundlagen der TA sind zuletzt in dem Band
Editionsrichtlinien Musik (hrsg. von Bernhard R. Appel und Joachim Veit, Kassel usw. 2000, S. 337350) zusammengefaßt worden. Die Partituranordnung folgt in der Regel dem Usus Telemanns und seiner Zeit. Verwendet werden moderne Schlüssel für die Vokalstimmen; die Akzidentiensetzung folgt modernem Gebrauch. Eigenarten Telemanns wie die seit Mitte der 1730er Jahre verwendeten deutschsprachigen Angaben zur Dynamik, zur Besetzung sowie zum Tempo und Ausdruck seiner Musik werden berücksichtigt. Zusätze des Bandbearbeiters sind als solche gekennzeichnet: Buchstaben und Ziffern durch Kursivierung, ergänzte Bögen durch Strichelung, dynamische Zeichen, Triller, Akzidentien und Artikulationsstriche durch Kleinstich. Besondere Behutsamkeit ist bei der Ergänzung von Bindebögen und Verzierungszeichen sowie von Bögen in nicht ausnotierten Colla-parte-Instrumentalstimmen vonnöten. Telemanns Autographe, von ihm herausgegebene oder überwachte Drucke sowie autorisierte Stimmensätze sind in dieser Hinsicht sehr genau bezeichnet; bei zeitgenössischen Abschriften jedoch nimmt die Zuverlässigkeit der Bogensetzung stark ab.
Die Texte der Vokalwerke werden unter Beibehaltung alter Lautformen in behutsamer Modernisierung (nach der alten deutschen Rechtschreibung) vorgelegt. Nach Möglichkeit wird eine photographische Wiedergabe der Originaltextdrucke beigegeben. Ausgewählte Faksimileseiten geben Einblick in die Notenquellen.
Im Mai 2004