Trauer um Nestor der Telemannforschung

30.03.2020 19.00

Dr. Wolf Hobohm (Foto: Ralph-J. Reipsch, 2016)

Tief betroffen nehmen wir Abschied von Dr. Wolf Hobohm, der am 30. März 2020 im Alter von 82 Jahren in Weimar verstorben ist. Mit ihm verlieren wir einen langjährigen Weggefährten, Anreger, Freund und Vertrauten.

Nachhaltig hat sich Wolf Hobohm um die Telemannpflege und ‐forschung, um die Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte Magdeburgs, um die regionale Musikforschung und die Beschäftigung mit den Orgeln im mitteldeutschen Raum sowie um die Etablierung von Maßnahmen zur Förderung des Musiklebens und des musikalischen Nachwuchses verdient gemacht. Seine Arbeit auf jedem der Gebiete hat tiefe Spuren hinterlassen, ist von hoher überregionaler Ausstrahlung geprägt und hat international den Blick auf die mitteldeutsche Musiklandschaft intensiviert. Unter Hobohms Verdiensten für unser geisteswissenschaftliches Leben und den musikkulturellen Alltag ist jenes der umfassenden Erschließung und Würdigung von Leben und Werk Georg Philipp Telemanns in besonderer Weise hervorzuheben. Ideenreich und ruhelos setzt er sich für eine vielfältige und breit gefächerte Telemannrezeption in einer Symbiose von Forschung und Praxis ein. Sie in Magdeburg fest zu verwurzeln, ohne deren nationale und internationale Dimensionen aus den Augen zu verlieren, war ein wichtiges Ziel seiner Arbeit.

Unter seiner Ägide entwickelte sich eine kontinuierliche, institutionelle und inzwischen breit gefächerte Telemannpflege und ‐forschung in Telemanns Geburtsstadt, deren Rückgrat das 1978 eingerichtete Zentrum für Telemann‐Pflege und ‐Forschung ist. Er hat die Gründung dieser Institution aus dem Arbeitskreis „Georg Philipp Telemann“ im Kulturbund der DDR heraus betrieben, dem er seit dessen Gründungsjahr 1961 angehörte. Stets die damals verwehrte, doch über Ländergrenzen hinweg so gut es ging gelebte internationale Zusammenarbeit im Blick, gehörte er 1991, nach der politischen Wende, folgerichtig zu den Gründungsvätern der Internationalen Telemann-Gesellschaft e.V. Bis 2012 war er deren Vizepräsident. Der studierte Musikpädagoge hatte stets auch den musikalischen Nachwuchs im Blick. Ihrer Förderung galt zunächst sein berufliches und später ein wichtiger Teil seines ehrenamtlichen Wirkens – und auch hier lag ihm daran, Strukturen zu formen. So sind ihm Impulse zur Gründung der Melante-Stiftung 1992 sowie des August-Gottfried-Ritter-Orgelwettbewerbs (1995) und des Internationalen Telemann-Wettbewerbs (2001) als in unterschiedlicher Weise fördernde Institutionen zu verdanken, deren Arbeit er zeitlebens befruchtete. Er war es auch, der 1990 den Landesmusikrat Sachsen-Anhalt mit begründete und 1993/94 zu den entscheidenden Initiatoren der einzigartigen Drei-Länder-Institution Mitteldeutsche Barockmusik e.V. zählte, die sich inzwischen als zentrale Einrichtung für die Belange der mitteldeutschen Musiklandschaft des 17. und 18. Jahrhunderts etabliert hat. In beiden Vereinen übernahm Hobohm jeweils als Vizepräsident Verantwortung. Es ist bezeichnend und spricht für sein Wesen, dass er sich nie in der ersten Reihe sah, obgleich er de facto oft dort stand. Dass er sich zurücknehmen konnte ist auch ein Zeichen dafür, dass er zu begeistern wusste und es klug verstand, sich nicht von einer Aufgabe allein vereinnahmen zu lassen. Und Aufgaben sah der vielseitig Interessierte für sich reichlich, wie das Initiieren zahlreicher weiterer Vereine verdeutlicht, darunter der Freundeskreis Orgel und Orgelmusik Magdeburg (1980), die Magdeburgische Gesellschaft von 1990 (bis 2008 deren stellv. Vorsitzender), der Musikrat der Stadt Magdeburg (1992, Vizepräsident). Jeder Bereich war ihm wichtig und alle, die sich mit ihm den unterschiedlichsten Herausforderungen stellten, waren ihm wichtig. Immer fand er ein Wort des Ermunterns, des Zuspruchs und der Würdigung, immer hatte er ein Lächeln übrig!  

Sein berufliches Hauptwirkungsgebiet war indes die Telemannpflege und -forschung. Hier fand der promovierte Musikwissenschaftler sein zu bestellendes „Feld“, seinen „Acker und Pflug“, um mit Telemann zu sprechen. Er wirkte als Autor, Herausgeber und Editor zahlreicher Schriften, Beiträge und musikalischer Werke. Dass sich das Telemann-Bild in den letzten 60 Jahren zum Positiven wandelte und eine Schärfung der Konturen erfuhr, ist in besonderer Weise auch ihm zu verdanken. Wolf Hobohm stellte sich eigenen Forschungsvorhaben, etablierte Magdeburg mit regelmäßigen Internationalen Wissenschaftlichen Konferenz von 1962 an als zentralen Austauschort von neuesten wissenschaftlichen Arbeitsergebnissen, sorgte für das Überführen von Noteneditionen in die klingende Praxis und von Konferenzergebnissen in die Fachliteratur. Er war bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2003 Herausgeber zahlreicher Schriftenreihen (darunter die Telemann-Konferenzberichte und die Magdeburger Telemann-Studien) sowie Mitherausgeber der renommierten Reihe Georg Philipp Telemann. Musikalische Werke (Telemann-Ausgabe), deren redaktionelle Betreuung er gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Ruhnke 1992 am Telemann-Zentrum Magdeburg angesiedelt hat. Scharfsinnige Beobachtungen zu biographischen, kompositionstechnischen, musiktheoretischen, aufführungspraktischen sowie Gattungs- und Datierungsfragen hielt er in ungezählten Beiträgen fest. In den 1990er Jahren regte er die Auseinandersetzung mi Telemanns kirchenmusikalischen Jahrgängen an, die sich bis heute fortsetzt. Er betrieb Grundlagenforschung und trug Wesentliches zum Literaturkanon der Telemannforschung bei. Seine Schlussfolgerungen zog er mit Vorsicht und Bedacht. Das macht sie besonders wertvoll. Gewünscht hätte man sich von diesem gelehrten Geist, der Telemanns Platz in der Musikwelt des 18. Jahrhunderts so kenntnisreich einzuordnen wusste, eine grundlegende Telemann-Biographie. Dass er sie nicht vorlegte, hat wohl mit seinen außergewöhnlich weit gesteckten Interessensgebieten und auch mit seinem umfangreichen ehrenamtlichen Wirken zu tun. Über die Telemannforschung hinaus widmete er sich intensiv u.a. auch der Erforschung der Musikgeschichte Magdeburgs, der regionalen Musikgeschichte Sachsen-Anhalts, der mitteldeutschen Orgellandschaft und dem Leben und Werk  Richard Wagners. Seine Materialsammlung hätte für mehrere Forscherleben gereicht... 

Dr. Wolf Hobohm war ein Mensch, der sich Herausforderungen stellte. Er agierte mit Geschick und Weitsicht, nicht selten überaus unkonventionell: Zur Zeit der deutschen Teilung führte er den unerlässlichen Briefwechsel mit den Kollegen im westlichen Ausland, der aus einer staatlichen Einrichtung heraus auf direktem Wege verboten war, indem ein „virtueller Teil“ seines Schreibtischs dem Telemann-Arbeitskreis „gehörte“, der als Gruppe des Kulturbundes etwas freier arbeiten konnte. Er sorgte damals auch dafür – nicht zuletzt dank guter Verbindungen zu den Domkantoren und ihrer Einbeziehung in den Vorstand des Telemann-Arbeitskreises –, dass der Domchor regelmäßig mit Kirchenmusik in der städtischen Konzertreihe Sonntagsmusik zu Gast war – in jenen Jahren keine Selbstverständlichkeit! Das Ausloten von Grenzen, das Gemeinsame über das Trennende stellen, das beharrliche Suchen nach sachdienlichen Lösungen, das mutige Beschreiten auch schmaler Wege und das unaufgeregte Agieren mit diplomatischem Sachverstand sind Werte, die wir in seinem Sinne weitertragen können.  

Für sein engagiertes Handeln wurde Dr. Wolf Hobohm Respekt und Anerkennung entgegengebracht. Geehrt wurde er mit der Johannes-R.-Becher-Medaille des Kulturbundes der DDR in Gold (1981), dem Georg-Philipp-Telemann-Preis (2013) und dem Ehrenring der Landeshauptstadt Magdeburg (2013) sowie mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (2014).

Wir verlieren mit Dr. Wolf Hobohm eine Persönlichkeit, die unterschiedliche „Felder“ bestellt, Großes geleistet und Nachhaltiges bewirkt hat. Sein Forschergeist, seine Impulse, seine Gabe, mit Weitblick Strukturen zu formen, werden uns fehlen, aber auch seine Warmherzigkeit, seine großzügige, uneigennützige Art, sein freundliches Wesen, sein aufmunterndes Lächeln, sein Humor, seine Lebensweisheit, sein offenes Ohr, sein uneitles Wirken und seine stete Hilfe, wenn er darum gebeten wurde. Wir trauern um einen gelehrten, verständnisvollen, mit Witz und Schlagfertigkeit ausgestatteten und dem Leben zugetanen Freund der Menschen. Einer, den es selten in die Ferne zog, trat nun eine weite Reise an. 

Unser Mitgefühl gilt seiner Frau und den Angehörigen.

Dr. Carsten Lange
im Namen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg
sowie der Mitglieder der Internationalen Telemann-Gesellschaft e.V., des Arbeitskreises „Georg Philipp Telemann“ Magdeburg e.V. und der Melante-Stiftung.

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