Telemanns Garten

Georg Philipp Telemann bekannte in einen Brief an seinen Frankfurter Freund Johann Friedrich Armand von Uffenbach aus dem Jahre 1742 :

"Ob diese [die Musik] zwar mein Acker und Pflug ist, und mir zum Hauptergetzen dienet, so habe ich ihr doch seither ein Par Jahren eine Gefehrtinn zugesellet, nemlich die Bluhmen-Liebe, welche beyde wechselsweis mich ihrer Annehmlichkeiten theilhaft machen."

Seit etwa 1740 läßt sich Telemanns "Bluhmen-Liebe" dokumentieren. Wie andere wohlsituierte Bürger Hamburgs besaß er einen recht großen Garten, der vermutlich vor den Toren der Stadt lag. Ein 1742 erstelltes Pflanzenverzeichnis, das Telemanns "Garten=Vorraht" dieser Zeit nachweist, ist als seltenes Dokument aus der bürgerlichen Sphäre erhalten geblieben. Unter den etwa 70 aufgelisteten Pflanzen befinden sich neben Zwiebelgewächsen wie Tulpen, Hyazinthen, Narzissen und Kaiserkronen zahlreiche andere Stauden (Astern, Glockenblumen, Nelken, Pfingstrosen), einjährige Zierpflanzen (z.B. Wucherblumen, Kapuzinerkresse, Kornblumen) und Sträucher (Liguster, Spiersträucher).

Die Liste dokumentiert den frühen Pflanzenbestand des Telemannischen Gartens, der sich zunächst kaum von dem unterscheidet, was seit dem 17. Jahrhundert Hamburg üblich war. Telemann jedoch recherchierte von nun an in einem bemerkenswerten Maße nach neuen und exotischen Pflanzen für seine Sammlung. Dabei nutzte er zum einen seine vielfältigen Kontakte in die Musikwelt, so zu dem befreundeten Violinvirtuosen Johann Georg Pisendel am Dresdner Hof, zu Georg Friedrich Händel in London sowie zu Carl Philipp Emanuel Bach und Carl Heinrich Graun in Berlin. Zum anderen suchte er erfolgreich Verbindung zu berühmten Botanikern wie z.B. zu Albrecht von Haller, dem Begründer des Botanischen Gartens in Göttingen, und zu Johann Gottlieb Gleditsch, der den Berliner Botanischen Garten leitete. Von Haller beispielsweise erhielt er seltene Sämereien, von Pisendel exotische Kakteen und Aloen. Auch studierte Telemann die umfangreichen Versandkataloge des damals sehr bekannten, durch den Gärtner Johann Ernst Probst geführten "Caspar Bosischen Gartens" in Leipzig.

Telemanns Garten erlangte einige Bekanntheit. 1753 berichtete Christlob Mylius, ein Vetter Lessings, daß darin "viel fremde und schöne Pflanzen" seien. Noch 1843 wurde er zu den bedeutenden Hamburger Gärten des vergangenen Jahrhunderts gezählt.

Telemann-Gärten heute

Am 3. Juni 2012 wurde in Telemanns Geburtsstadt Magdeburg ein Telemann-Garten eröffnet. Er befindet sich im Innenhof der 1896 gegründeten Gruson-Gewächshäuser und zeigt eine Auswahl von etwa 50 Pflanzen, die in jenem Gartenindex aus dem Jahre 1742 verzeichnet sind. Ergänzt wird der Bestand durch Sukkulenten (z.B. Aloen), wie sie Pisendel 1749 aus Dresden an Telemann sandte. Bevor der Garten angelegt wurde, galt es, die Pflanzen zu identifizieren, die sich hinter den damals verwendeten altertümlichen lateinischen Bezeichnungen verbergen. Denn Telemann und seine Zeitgenossen konnten noch nicht auf einheitliche lateinische botanische Pflanzennamen zurückgreifen. Diese wurden erst 1753 durch Carl von Linné eingeführt.

Bereits seit 2006 besteht ein Telemann-Garten im Kurpark von Bad Pyrmont. Er wurde an dem aus dem Jahre 1810 stammenden Teehaus im barocken Stil Hamburger Bürgergärten gestaltet. Telemann hat sich mehrmals in Pyrmont aufgehalten und hier seine "Pyrmonter Kurwoche" (Scherzi melodichi, Hamburg 1734) komponiert.

Ralph-Jürgen Reipsch (2012)

Zum Herunterladen: Telemanns Pflanzenindex 1742 / Pisendels Pflanzensendung 1749

Weiterführende Literatur

Ralph-Jürgen Reipsch, Dokumente zu Georg Philipp Telemanns "Bluhmen-Liebe", in: Das Moller-Florilegium des Hans Simon Holtzbeckers (2), hrsg. von der Kulturstiftung der Länder in Verbindung mit der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (= Patrimonia 210), Berlin und Hamburg 2001, S. 60-79.    

Jürgen Neubacher, Göttinger Botanik und Hamburgs “Gahrtenlust”. Ein unbekannter Telemann-Brief der Bayerischen Staatsbibliothek aus dem Füllhorn der Kalliope, in: Auskunft. Zeitschrift für Bibliothek, Archiv und Information in Norddeutschland, 23. Jg., Juni 2003, Heft 2/3, S. 172-180.