Telemann in Magdeburg - Kindheit und Jugend

Ein Beitrag von Brit Reipsch

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"Ich bin in Magdeburg 1681, den 14. Märtz gebohren und den 17ten drauf Evangelisch-Lutherisch getaufft worden..."

Mit dieser Aussage (sprachlich leicht variiert) beginnen die drei Autobiographien Telemanns, in denen er ausführlich über sein Leben und seine Beziehung zur Musik Bericht erstattet. Georg Philipp Telemann wuchs in eine Zeit hinein, in der sich seine Geburtsstadt allmählich von den Schrecken und der Zerstörung des Dreißigjährigen Krieges sowie von der letzten Pestepedemie erholte. Magdeburg wurde nach und nach zur mächtigsten preußischen Festungsstadt ausgebaut, in deren Mauern aber auch Kultur, Handel und Wirtschaft zu florieren begannen. Einen wesentlichen Aufschwung erlebte die Stadt durch den Zuzug französischer Hugenotten infolge der Aufhebung des Ediktes von Nantes.

Die Telemannglocke in der Wallonerkirche
Die Telemannglocke von 1683, heute in der Wallonerkirche

Telemanns Geburtshaus befand sich in der Nähe der Heilig-Geist-Kirche, an der seit 1676 sein Vater Heinrich Telemann als Diakon (zweiter Pfarrer) tätig war. In dieser Kirche wurde Telemann am 17. März 1681 getauft. Das Gebäude erlitt im Zweiten Weltkrieg beträchtlichen Schaden; auch das Kirchenbuch wurde ein Opfer der Flammen. Bis heute ist nicht bekannt, wer dafür gesorgt hatte, daß zumindest ein Foto des Taufeintrags Georg Philipp Telemanns erhalten blieb. Das weitere Schicksal der Kirche ist mit dem der Leipziger Universitätskirche vergleichbar. Sie wurde – obwohl sie baulich wieder so weit hergerichtet war, daß in ihr Gottesdienste und Konzerte stattfanden – im Zuge der sozialistischen Bebauungspolitik 1959 abgetragen. Die Heilig-Geist-Kirche stand ungefähr dort, wo seit dem 16. Januar 2001 ein von der "Magdeburgischen Gesellschaft von 1990" in Auftrag gegebenes Bronzemodell an ihre bewegte Geschichte erinnert. In der Nähe befindet sich auch die 1967 von Max Roßdeutscher entworfene Telemann-Gedenktafel (Regierungsstraße/ Goldschmiedebrücke). Die 1683 vom Magdeburger Glockengießer Jacob Wentzel geschaffene Glocke der Heilig-Geist-Kirche ist noch zu besichtigen. Sie war während des zweiten Weltkrieges zum Einschmelzen nach Hamburg gebracht worden. Der Plan wurde jedoch nicht umgesetzt, so daß sie Anfang der 50er Jahre in die Glockengießerei Schilling nach Apolda gelangte. 1983 konnte die Glocke nach Magdeburg zurückkehren. Ihre Inschrift erwähnt Kirchväter und Pfarrer der Kirche, darunter auch Telemanns Vater Heinrich und Daniel Sebastian Lange, einen der Taufpaten Telemanns. Die Glocke befindet sich heute in der Wallonerkirche.

Nachdem Georg Philipp Telemann den ersten Unterricht in Schreiben, Lesen und Katechismus erhalten hatte, wechselte er im Alter von ungefähr zehn Jahren an die Altstädtische Schule, eine der ersten 1524 im Zuge der Reformation gegründeten städtischen Lateinschulen Deutschlands. An ihr wirkten so bedeutende Kantoren wie Martin Agricola, Gallus Dressler, Leonhard Schröter, Friedrich Weißensee und Heinrich Grimm. Später, im 18. Jahrhundert, waren hier die Magdeburger Musikdirektoren Christian Friedrich Rolle und dessen berühmterer Sohn Johann Heinrich tätig.
An seine Schulbildung erinnerte sich Telemann 1740 mit einigem Stolz: "Gesamte Lehrer aber waren mit meinem Fleisse oder vielmehr mit meiner Fähigkeit bald zu fassen, sehr zu frieden, und gaben Zeugniß, daß ich im Lateinischen, besonders aber im Griechischen, einen guten Grund geleget hatte." Einer dieser Lehrer war der Kantor der Stadtschule und Musikdirektor Benedictus Christiani, dessen Kompositionen der Schüler studierte. Telemann hatte sich schon vor dem Schulbesuch für die Musik interessiert. Autodidaktisch beschäftigte er sich mit dem Violin-, Flöten- und Citherspiel, "womit ich die Nachbarn belustigte, ohne zu wissen, ob Noten in der Welt wären." Den einzigen (nur in seinen Autobiographien vermerkten) Instrumentalunterricht bei einem nicht namentlich bekannten Magdeburger Organisten brach Telemann schon bald mit der Begründung ab, daß er "zum Unglück an einen Organisten" geriet, der ihn "mit der deutschen Tabulatur erschreckte, die er eben so steiff spielte, wie vieleicht sein Grosvater gethan, von dem er sie geerbet hatte" (Autobiographie 1740). Daß Magdeburgs Orgellandschaft andererseits auch Bedeutsames aufzuweisen hatte, beweist die Tatsache, daß Organisten wie der Pachelbel-Schüler Johann Graff und der Bach-Vetter Johann Bernhard Bach an den Stadtkirchen wirkten, die am Ende des 17. Jahrhunderts fast alle mit Werken des berühmten Hamburger Orgelbauers Arp Schnitger versehen waren.

Gebäude der Domschule im Bereich des Kreuzgangs

Telemanns Ausspruch: "In meinem Kopffe spuckten [spukten] schon muntrere Töngens, als ich hier [bei dem Magdeburger Orgellehrer] hörte", läßt schon den zeit seines Lebens nach neuen Idealen strebenden Künstler erahnen. Auch sein Interesse für die neue deutsche Poesie ist bereits in Magdeburg geweckt worden. An der Domschule, die Georg Philipp nach seiner Ausbildung am städtischen Gymnasium besuchte, erhielt er Unterricht beim späteren Rektor Christian Müller, der ihm "die erste Liebe zur deutschen Dichtkunst einpflanzte".
Angeregt von der Beschäftigung mit Musik und Literatur, begann Telemann schon in Magdeburg zu komponieren. Angeblich stellte er seine Werke, die nicht erhalten geblieben sind, unter anderem Namen der Öffentlichkeit vor und erntete unerkannt Lob und Anerkennung. "Dies machte mich so kühn, daß ich eine ertappte Hamburger Oper, Sigismundus, etwa im zwölfften Jahr meines Alters, in die Musik setzte, welche auf einer errichteten Bühne toll genug abgesungen wurde, wobey ich selbst meinen Held ziemlich trotzig vorstellte." Das Libretto stammte von Christoph Heinrich Postel, einem seinerzeit berühmten Textdichter der Hamburger Oper.
Seine musikalischen "Nebenbeschäftigungen" muß Telemann überaus eifrig betrieben haben, sie erfüllten jedoch seine inzwischen verwitwete Mutter und ihre Berater mit Sorge. Schließlich galt der Musikerberuf als wenig geeignet, um eine ökonomisch gesicherte Lebensgrundlage aufzubauen. Maria Telemann schickte ihren Sohn daher mit dreizehn Jahren nach Zellerfeld. Einige Jahre darauf kehrte Telemann in seine Geburtsstadt zurück, um seine Reifeprüfung abzulegen. Auch später riß der Kontakt nach Magdeburg nicht ab. Wir wissen z.B. von Telemanns Verbindungen zum Rektor des Altstädtischen Gymnasiums Elias Caspar Reichardt und zum Musikdirektor Johann Heinrich Rolle. Der Domorganist Georg Tegetmeyer subskribierte Druckexemplare der berühmten Tafelmusik und der Pariser Quartette. Dessen Schüler und Amtsnachfolger August Bernhard Valentin Herbing hatte als Gesangssolist unter Telemanns Leitung in Hamburg musiziert. Die Musik Georg Philipp Telemanns wird über die genannten Beispiele hinaus in Magdeburg bekannt gewesen sein.


Quelle: Beitrag von Brit Reipsch im Programmheft der 15. Magdeburger Telemann-Festtage, Magdeburg 2000, S. 44-47.