Kalenderblatt: Willi Maertens zum 100. Geburtstag

03.11.2015 14.00

Zum Gedenken an den Musikerzieher, Musikwissenschaftler und Mitbegründer des Telemann-Arbeitskreises Magdeburg

von Ursula Hobohm (Weimar)

Am 3. November, seinem 100. Geburtstag, können wir eines hervorragenden Magdeburger Musik­erziehers gedenken: Prof. Dr. Willi Maertens (1915-2012). Viele Magdeburger Musikfreunde und besonders seine Schüler in Magdeburg und Halle erinnern sich gern und dankbar an ihn, den begabten, vielseitigen Musiker und Musikwissenschaftler, den beeindruckenden, beliebten Pädagogen und die engagierte Musikerzieher-Persönlichkeit.

Nach seiner Gymnasialzeit in Magdeburg und seinem Musik- und Englisch-Studium in Frankfurt  (Oder) und Berlin von 1936 bis 1941, das ihn u.a. noch in die Kompositionsklasse des großen Komponisten Paul Hindemith führte, hätte normalerweise sein beruflicher Weg anfangen können. Doch es hatte der 2. Weltkrieg begonnen. Maertens musste das Schicksal so vieler junger Männer seiner Generation teilen, aus der Bahn gerissen zu werden und in den Krieg zu ziehen. Schon jetzt aber half ihm die Musik, diese Jahre zu ertragen. Er war zeitweise Mitglied eines Streichquartetts, das zu vielfältigsten Anlässen in rückwärtigen und Frontgebieten in Erscheinung trat und ihn möglicherweise vor einem schlimmen Ende bewahrte.

  In der unvorstellbaren, musikdurstigen Aufbruchstimmung nach dem Krieg konnte er nun endlich tun, was ihm am Herzen lag: In seiner Vaterstadt Magdeburg ein lebendiges Musikleben mit aufbauen zu helfen. Maertens war ein begeisterter und begeisternder Lehrer an der damaligen Berthold-Otto-Oberschule, wo er einen hervorragenden Schulchor aufbaute, er war Leiter des von ihm wiedergegründeten, leistungsfähigen, damals immer bekannter werdenden Schubert-Männerchores, und auch noch Mitglied des Domchor-Kammerorchesters unter Gerhard Bremsteller. Im Kulturbund bildete sich eine Kammermusikgruppe, deren führende Köpfe Willi Maertens und sein Freund, der Musikerzieher und Chorleiter Siegfried Schwantes, waren. Dies alles war neben seiner schulischen Tätigkeit mit vielen öffentlichen Konzerten, Tourneen mit Kammermusikkonzerten im Magdeburger Umland verbunden. Und schließlich war er gern gesehen als Mentor bei musikpädagogischen Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen unterschiedlichster Art.

Zu Beginn der 1950er Jahre folgte er dem Ruf der Universität Halle als Lehrbeauftragter, später als sog. „Universitätsmusiklehrer“ (der Titel “Universitätsmusikdirektor” war durch den auf diesem Gebiet untätigen halleschen GMD besetzt). Von nun an hatte er zwei Wirkungsstätten: seine Geburtsstadt Magdeburg, der er treu blieb, und die Händelstadt Halle. Sein hervorragender Universitätschor und der Chor des Instituts für Musikerziehung widerspiegelten diese Arbeit.

Spätestens jetzt begann Maertens’ ernsthafte Beschäftigung mit den beiden großen mitteldeutschen Barockmeistern Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann. Nun hatte er die Möglichkeit, bedeutende oratorische Werke dieser Komponisten in höchster Qualität bei den Händelfestspielen in Halle und ab 1962 bei den Magdeburger Telemann-Festtagen zur Aufführung zu bringen. Und jetzt begründete er seine wissenschaftliche Laufbahn mit Veröffentlichungen und wissenschaftlichen Ausgaben Telemannscher Werke, insbesondere der sogenannten Hamburger „Kapitänsmusiken“. Über diese wichtige Gattung telemannscher Vokalmusik (Oratorien zu den jährlichen Feiern der Kapitäne der Hamburger Bürgerwehr) promovierte Maertens 1975 mit einer bis heute unverzichtbaren Arbeit. Aber immer blieb ihm auch in seinen wissenschaftlichen Publikationen und praktischen Bearbeitungen und Herausgaben für die Musikpraxis die Musikerziehung ein Anliegen: „So wünschen wir uns einen guten Tag, und dass das Singen uns gelingen mag!“ lautete einer seiner damals vielgesungenen und verbreiteten fröhlichen Stegreifkanons für Singwochen oder Chorlager.

Nicht zuletzt verdient auch Maertens’ kulturpolitische Tätigkeit eine Würdigung. So war er 1961 Gründungsmitglied (später Ehrenmitglied) des Magdeburger Arbeitskreises „Georg Philipp Telemann“ im Deutschen Kulturbund und 1990 dank seiner intensiven Beziehungen zur Patriotischen Gesellschaft in Hamburg Anreger und Mitbegründer der „Magdeburgischen Gesellschaft zur Pflege der Künste, Wissenschaften und Gewerbe e.V.“, als deren Leitungsmitglied er ein stetiger Ideengeber und aktiver fachkundiger Mitarbeiter war, bis im hohen Alter seine Kräfte nachließen.

Maertens, immer voller Unruhe und Ideen und nachdrücklich das Musikleben belebend, hat mancherlei Ehrungen erhalten. 1989 wurde ihm der Georg-Philipp-Telemann-Preis der Stadt Magdeburg verliehen, 1994 der Titel „Außerordentlicher Professor“ der Universität Halle-Wittenberg, 1995 die Große Silberne Medaille der Hamburger Patriotischen Gesellschaft von 1765 für Verdienste um Hamburg.

Willi Maertens hat auf vielen musikalischen Feldern Spuren hinterlassen; er wird unvergessen bleiben.

Willi Maertens in seinem Arbeitszimmer Anfang der 1990er Jahre (Foto: (c) by Telemann-Zentrum Magdeburg)

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